Böge Schimmelambulanz

Information Nr. 3: Schimmel richtig messen

Schimmel-Ambulanz

Schimmelpilze- und Bakterien richtig messen und beurteilen!

 

Grundlagen nach dem Stand der Mikrobiologie und der Umweltmedizin:
 

Nach den Mitteilungen der Kommission „Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin“[1] wird allgemein unter „Schimmelpilzen“ verstanden (Auszüge):

  • kultivierbare und nicht (mehr) kultivierbare Sporen und Konidien,
  • Myzel- und Hyphenfragmente,
  • Zellbestandteile sowie im erweiterten Sinne auch Stoffwechselprodukte (MVOC) und Mykotoxine

„Abs. 5.1 Quantitative Expositionsabschätzung“:
„Aus mehreren Gründen ist es bisher nicht möglich, die Expositionen gegenüber bestimmten Schimmelpilzbestandteilen der Innenraumluft (kultivierbare und nicht kultivierbare Schimmelpilzsporen, Stoffwechselprodukte von Schimmelpilzen wie MVOC und Mykotoxine sowie Zellbestandteile beta-Glukane, Ergosterol, Allergene) quantitativ mit gesundheitlichen Wirkungen zu korrelieren. Eine quantitative Risikoabschätzung durch Messung der Konzentration von Schimmelpilzen (kultivierbare und nicht kultivierbare Schimmelpilzsporen) oder von Stoffwechselprodukten (MVOC, Mykotoxine) im Innenraum ist deshalb nicht möglich.“ ....

„Abs. 5.2 Empfehlungen zur Ermittlung der qualitativen Exposition in der ärztlichen Praxis“:
„Obwohl eine quantitativ Expositionsabschätzung nicht möglich ist (siehe Abs. 5.1), kann es sinnvoll sein, im Einzelfall anhand einer qualitativen Risikoabschätzung eine Einstufung in Risikogruppen und grobe Einstufung der gesundheitlichen Gefährdung der Raumnutzer vorzunehmen.“ ...

„Die Probleme der quantitativen Expositionserfassung hinsichtlich Schimmelpilze im Innenraum dürfen jedoch nicht dazu führen, dass Schimmelpilzwachstum im Innenraum als unproblematisch angesehen wird.

Bei einem nachgewiesenen Feuchteschaden und diagnostizierter Schimmelpilzallergie oder vorliegender Immunsuppression ist von einer gesundheitlichen Gefährdung durch eine „nachweisbare“ zusätzliche Schimmelpilzexposition auszugehen. Grundsätzlich besteht auch bei Gesunden immer die Möglichkeit einer Sensibilisierung mit der Folge der Entwicklung klinisch relevanter Allergien. Die Bewertung, ob ein kausaler Zusammenhang zwischen den diagnostizierten gesundheitlichen Beschwerden und der vorliegenden Schimmelpilzquelle besteht, sollte in enger Kooperation zwischen dem behandelnden Arzt und dem mykologischen Labor erfolgen“.

„Abs. 6: Risikoanalyse und -bewertung:
Auf der Grundlage des aktuellen Wissensstandes kann festgestellt werden, dass vor allem Allergiker durch den Aufenthalt in feuchten und/oder schimmelbelasteten Innenräumen gefährdet sind. Darüber hinaus ist eine Gefährdung für immunsupprimierte Personen sowie für Patienten mit chronischen Atemwegserkrankungen und chronischen Hauterkrankungen denkbar und in Einzelfällen belegt.

Eine eindeutige Bewertung von gesundheitlichen Wirkungen durch Schimmelpilzexpositionen in Innenräumen ist vor allem aufgrund von gleichzeitig vorhandenen erhöhten Konzentrationen an Schimmelpilzen und anderer Komponenten des Bioaerosols sowie dem Fehlen hinreichend aussagekräftiger Expositionsdaten zur Zeit nicht möglich.

Grundsatz:
Unabhängig von den Bewertungsproblemen ist Schimmelpilzwachstum im Innenraum ein hygienisches Problem, das nicht hingenommen werden sollte. Vielmehr sollte hier nach dem Vorsorgeprinzip die Belastung minimiert, oder wenn möglich, beendet werden.“


Frage: Unter welchen Voraussetzungen werden Schimmelpilze richtig beurteilt?

Für dieses Spezialgebiet sind umfangreiche Erfahrungen und eine besondere Fachkunde nach dem Stand der Messtechnik, der Mikrobiologie, der Umweltmedizin und der Sanierungstechnik notwendig. Es gibt es zwar viele persönliche Meinungen aus verschiedenen Fachbereichen zu diesem Thema, wer sich aber qualifiziert mit dem Stand der Wissenschaft auseinandersetzen will, muss die Leitfäden des Umweltbundesamtes aus 2002 und 2005 zur Vorbeugung, Untersuchung, Bewertung, Ursachensuche und Sanierung von Schimmelpilzwachstum in Innenräumen kennen und beachten.

Merke: Für gesundheitliche Bewertungen müssen nicht nur eine spezielle Kenntnisse vorliegen, sondern ein Gutachter muss garantieren, dass er auch die Verantwortung für sein Vorgehen trägt!


Frage: Machen nur die feuchten Sporen krank?

Auch nicht sichtbare und abgestorbene Teile von Mikroorganismen können krank machen!                
Eine Gesundheitsgefahr durch Schimmelpilze und Bakterien wird häufig nur bei sichtbaren Verfärbungen auf Oberflächen (z.B. Tapeten) vermutet. Die Mehrzahl der Fälle (ca. 85%) sind aber „unsichtbare“ bzw. versteckte Schäden, die gleichwohl ebenso eine gesundheitliche Bedeutung haben, denn deren Stoffwechselprodukte können fast alle Baumaterialien durchdringen und in Wohn- und Aufenthaltsräume ausgasen. Weiter wird übersehen, dass auch von abgestorbenen Pilzen und Bakterien wie von Teilstücken der Myzele, Sporen oder Abbauprodukte noch jahrzehntelang Stoffwechselprodukte abgegeben werden, die zu gesundheitlichen Problemen führen können.

Merke: Auch versteckte und abgestorbene (Teile der) Mikroorganismen gasen in die Wohnräume aus!    


Frage: Gibt es besonders gefährliche Mikroorganismen?

Es gibt zweifelsfrei unterschiedlich gefährliche Pilze und Bakterien, aber die häufig angestrebte Suche nach bestimmten Species ist wenig aufschlussreich, denn bei mikrobiellen Schäden in einer gesundheitsrelevanten Größenordnung treten in der Regel 3 bis 6 unterschiedliche Species auf, die je nach Wachstumsbedingungen ein geringem Abstand von Proben eine unterschiedliche Zusammensetzung haben können. Die dominierende toxische Belastung hängt zudem nicht nur von den Species ab, sondern von den sehr unterschiedlichen (evt. sogar chemisch behandelten) Materialien (Nährstoffen) und den daraus entstehenden unterschiedlichen Stoffwechselprodukten.

Merke: Für die Beurteilung möglicher Gesundheitsgefahren muss neben der Anzahl und Art der Mikroorganismen in und auf Materialien auch die Ausdehnung des Schadens ermittelt werden.


Frage: Wie wirken Pilze und Bakterien auf Menschen?            

Sporen und Stoffwechselprodukte von Schimmelpilzen und Bakterien führen neben (seltenen) Infektionen insbesondere bei Langzeitbelastungen zu reizenden und toxischen Wirkungen und in der Folge zu allergischen Reaktionen oder anderen Nebenwirkungen.

Häufige Krankheitserscheinungen bei mikrobiellen Belastungen in Innenräumen sind zum Beispiel Bindehaut-, Hals- und Nasenreizungen, Nebenhöhlenprobleme sowie Husten und Kopfweh.

Eine längere Schwächung des Immunsystems führt zu weiteren unspezifischen Symptomen (Müdigkeit oder Gelenkschmerzen) die meist nur von spezialisierten Medizinern erkannt werden können.


Frage: Wie werden mikrobielle Belastungen in Innenräumen richtig bewertet?

Für eine Gesamtbeurteilung können neben der Ortsbesichtigung, Begehung und der Erhebung von Randbedingungen vorzugsweise folgende Prüfmethoden eingesetzt werden:

  • Messung von Schimmelpilzen und Bakterien in Materialproben und Kontaktproben,
  • Messung der MVOC zur Feststellung von Ausgasungen der Stoffwechselprodukte,
  • Einsatz eines Schimmelpilzspürhundes zur Lokalisation versteckter Schäden,
  • Messung von Giften (Toxinen)
  • Messung von Schimmelpilzen und Bakterien in der Innen- und Außenluft,

Unsicher und nicht empfehlenswert sind die Methoden zur Messung über die Sedimentation (in Petrischalen) und im Hausstaub.

Zur Feststellung und Beurteilung von mikrobiellen Belastungen von Innenräumen existiert kein allgemein verbindliches Verfahren; vielmehr sind jeweils die Besonderheiten des Einzelfalls zu berücksichtigen und die verschiedensten Methoden einzusetzen. Eine etwaige (evtl. unzumutbare) Belastung setzt sich aus unterschiedlichen, jeweils variierenden Einzelfaktoren (meist nur Indikatoren) zusammen, so dass in jedem Falle eine wertende Gesamtbetrachtung und Beurteilung durch einen versierten (Schimmel-) Sachverständigen zu erfolgen hat.

Meist erlauben die Messergebnisse nach den o.g. Verfahren keinen kausalen Schluss zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen, haben aber als Expositionskriterien je nach Größenordnung der Belastungen eine gute Indikatorfunktion und erlauben zusammen mit der Ursachenermittlung Schlüsse zu notwendigen Sanierungsmaßnahmen.

Merke: Investieren sich nicht in kostenintensive Alibimessungen (z.B. Luftsporenmessungen bei sichtbaren Schäden oder bei versteckten Materialbelastungen), aber verlassen Sie sich auch nicht auf die „Augenscheinnahme“ selbsternannter Experten.


Frage: Wie werden Pilzen und Bakterien in Material- und Oberflächenproben bestimmt?        

Dazu Aus­zü­ge aus dem Schimmelpilz- Leitfaden:                                    
"Nütz­lich ist in vielen Fällen die Untersuchung einer Materialprobe (wie z. B. Putz, Tapete, Holzteile, Estrich, aber auch Blumenerde und Dämmmaterialien), die Hinweise auf die eigentliche Lokalisation der Schimmelpilzquelle liefern kann und durch Be­stim­mung der vorkommenden Schimmelpilzarten eine klare Abgrenzung des Keimspektrums im Innenraum von dem der Außenluft ermöglicht. Auch wird damit die Gefahr ei­ner Fehl­in­ter­pre­ta­tion verringert, die bei ausschließlicher Luftbeprobung z. B. durch einzelne, zufällig von außen eingetragene Pilzsporen entsteht. Einige Schimmelpilzarten (z.B. Stachybotrys chartarum) lassen sich überdies schwierig in der Luft nachweisen. Die Untersuchung von Schimmelpilzen auf oder in Materialien gibt Hinweise auf die Schimmelpilzquelle."    

Vollständige Analysen beinhalten insbesondere bei abgetrockneten (und evtl. desinfizierten) Altschäden Angaben über le­ben­de und ab­ge­stor­be­ne Pil­zen und Bak­te­rien in Materialien.                      

Von erfahrenen Umweltmedizinern und Toxikologen wird empfohlen:
"Bei Verdacht auf mikrobielle Belastungen muss auch nach nicht sicht­ba­rem Vor­kom­men gesucht werden. Alter, trockener Befall muss untersucht und dann entfernt werden, denn auch von versteckten, abgestorbenen Pilzen und Bakterien können MVOC sowie die ih­nen anhaftenden Toxine in die Raumluft gelangen und Allergien oder andere Erkrankungen aus­lö­sen".


Frage: Was sind MVOC und wie werden sie gemessen?

MVOC sind mikrobiologisch produzierte organische Verbindungen. Aus dem Scha­dens­nach­weis über die ak­ti­ve Luft­pro­be­nah­me auf "von Mi­kroor­ga­nis­men pro­du­zier­te flüch­ti­ge or­ga­ni­sche Sub­stan­zen" (MVOC) lässt sich ab­lei­ten, ob ein Scha­den be­steht, auch wenn er nicht un­mit­tel­bar sicht­bar ist. Neu­e­re Er­kennt­nis­se las­sen den Schluss zu, dass MVOC eine we­sent­lich hö­he­re Kor­re­la­tion zu­ Krank­heits­symp­to­men haben als luft­ge­tra­ge­ne Spo­ren.

Die MVOC kön­nen durch vie­le Baumaterialien hin­durch­ dif­fun­die­ren und ge­lan­gen so in die Raum­luft, obwohl der Scha­den ei­gent­lich in­ner­halb der Bau­kon­struk­tion oder hinter einer Ta­pe­te ver­bor­gen ist. Bei den Substanzen handelt es sich um­ flüch­ti­ge Stoff­wech­sel­pro­duk­te der Schimmelpilze und Bakterien, die noch jahr­zehn­te­lang nach dem Ab­ster­ben der Mi­kro­or­ga­nis­men an die Raum­luft ab­ge­ge­ben wer­den kön­nen. Die im Ana­ly­sen­be­richt an­ge­be­nen Sub­stan­zen sind al­ler­dings le­dig­lich "In­di­ka­to­ren" für das Vor­kom­men von Emis­sio­nen und stel­len nur ei­nen Teil der flüch­ti­gen Ver­bin­dun­gen mi­kro­biel­len Ur­sprungs dar. Ih­re Sum­me ist nicht als die Ge­samt­men­ge flüch­ti­ger Ver­bin­dun­gen an­zu­se­hen und auch nicht für ei­ne to­xi­ko­lo­gi­sche Be­wer­tung ge­eignet. Aus um­welt­me­di­zi­ni­scher Sicht ge­nügt die Fest­stel­lung von­ ein­deu­tig er­höh­ten MVOC gegenüber der Außenluft, „um­ dar­aus die ob­jek­tiv be­grün­de­te Be­fürch­tung zu­ ge­win­nen, dass der Ge­brauch von Wohn- und Auf­ent­halts­räu­men zu­ ei­ner Ge­sund­heits­be­ein­träch­ti­gung führt, was den Anforderungen an eine konkrete Gesundheitsgefährdung genügt“ (siehe Urteil Landgericht Berlin, Az 67 S 87/97 v. 10.12.98 mit Bezug auf § 544 BGB).            

Merke: Gemessene MVOC- Konzentrationen dienen nur der Indikation des Umfangs versteckter Schäden und sind nur eine sehr kleine Auswahl der tatsächlich vorhandenen (giftigen) Ausgasungen.


Frage: Sie arbeiten mit einem Schim­mel­spür­hun­d. Wie kann der helfen?

Dem Schimmelpilz- Leit­fa­den ist zu ent­neh­men: "Der Einsatz eines Schimmelpilzspürhundes wird als Ersatz oder als Er­gän­zung mi­kro­biel­ler Messungen oder von MVOC-Messungen bei nicht sichtbaren, aber vermuteten Schimmelpilzschäden in Gebäuden vorgeschlagen."           

Merke: Grundsätzlich kann zwar nur mit anschließenden Materialuntersuchungen eine qualifizierte gesundheitliche Bewertung abgegeben werden, aber keine Methode ist zur Lokalisierung und Feststellung der Ausdehnung versteckter mikrobieller Schäden ebenso schnell, zielsicher und kostengünstig wie der Einsatz eines Schimmelspürhundes!


Frage: Was sind Toxine?

Pilze und Bakterien produzieren unterschiedlich giftige Stoffwechselprodukte. Verschiedene Pilze (z.B. Stachybotrys chartarum) können besonders starke Mykotoxine bilden. Bakterien können Gifte freisetzen (Exotoxine) oder in den Zellwänden bilden (Endotoxine). Von den Bakterien sind insbesondere die Actinomyceten zu nennen, die stark wirksame Stoffe produzieren. Von den bisher vorliegenden wissenschaftlichen Arbeiten zu mikrobiellen Toxinen in Innenräumen, kann man ableiten, dass die Mengen an Toxinen, mit denen Bewohner belastet werden, für eine akute Vergiftung zu gering sein dürften, aber Langzeiteffekte mit toxisch- irritativer Wirkung nicht auszuschließen sind.


Frage: Was ist bei einer Sanierung zu beachten?

Schimmelpilzquellen im Innenraum sind aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes zu beseitigen oder im Ausnahmefall (bei alten, trockenen Belastungen) durch eine dampfdichte Folie (z.B. Alu) abzusperren. Trocknung und Desinfektion haben meist nur eine Alibifunktion.

Bei Befall soll immer die Ursache abgeklärt und beseitigt werden. Unterhalb von ca. 70 % relativer Feuchte an der Oberfläche von Materialien findet kein Wachstum von Schimmelpilzen statt.                                                                                                                                        
Bei größerem Schimmelpilzbefall ist es oft sinnvoll, Sofortmaßnahmen zu ergreifen, bevor die eigentliche Sanierung (durch Spezialfirmen) beginnt. Glatte Flächen können gereinigt und desinfiziert werden. Direkt befallene Polstermöbel oder Kleidungsstücke sind häufig schwer zu reinigen, wenn der Befall länger andauerte und tief in das Material eingedrungen ist. Also: sicherheitshalber entsorgen!

Bei der Schimmelsanierung sind Schutzmaßnahmen erforderlich:

  • Schwer zu reinigende Gegenstände wie Textilien abdecken oder wie Lebensmittel und andere Gegenstände wie Kinderspielzeug und Kleidung vor der Sanierung aus dem Raum entfernen.
  • Möglichst staubarm arbeiten und die Ausbreitung von Schimmelpilzsporen vermeiden.
  • Schimmelpilze nicht mit Händen berühren - Schutzhandschuhe aus Kunststoff tragen.

Merke: Nach der Ursachenbeseitigung und mechanischen Entfernung ist eine Desinfektion (z.B. mit 70% Alkohol) allein für die Restbelastungen sinnvoll. Vom Einsatz chemischer Mittel wird abgeraten.

[1] Bundesgesundheitsblatt 2007-50:1308-1323: Mitteilungen der Kommission „Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin“: Schimmelpilzbelastung in Innenräumen-Befunderhebung, gesundheitliche Bewertung und Maßnahmen.

 

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